
Gespräch mit Girly am 4.6.2024
M: Hallo liebe Girly, ich bin die Marion. Ich habe deine Besitzerin Nicole gebeten, ob ich mit dir sprechen dürfte. Ich spreche oft mit Tieren, meist mit Katzen, Hunden und Pferden, aber mich beschäftigt etwas, was nur ein Huhn beantworten kann, vielleicht kannst du Licht ins Dunkel bringen?
G: Was willst du wissen?
M: Ich will mal nicht so mit der Tür ins Haus fallen… erzähl mir bitte etwas über dein Leben als Huhn!
G: Also ich bin voll zufrieden, falls du das meinst.
M: Das habe ich mir schon gedacht, ich kenne ja auch die Nicole, die kümmert sich bestimmt gut um euch. Du hast jetzt gerade gebrütet, hast du dir das gewünscht?
G: Ja unbedingt! Es liegt in meiner Natur, Küken auszubrüten sie dann zu beschützen, bis sie selbst groß genug sind und sich selbst versorgen können.
M: Girly, weißt du, dass es nicht alle Hühner so gut haben wie du?
G: Ja, in unserer gemeinsamen Erinnerung sind fürchterliche Dinge gespeichert, die die Menschen mit unsereins machen. Möchtest du darüber reden?
M: Nein, Girly. Ich schäme mich für meine Spezies… aber wir sind nicht alle so.
G: Nein, sonst könntest du auch nicht mit mir reden. Aber was ist es,was dich beschäftigt? Es geht um meine Eier, ich sehe das in deinem Kopf.
M: Ja, es geht generell um das Eierlegen. Ich sage dir auch warum. Ich bin da hin- und hergerissen, weil ich einerseits gerne – wir sagen „tierleidfrei“ – leben möchte, aber andererseits mein Körper von mir immer wieder mal ein Hühnerei verlangt. Nur, wenn ich ab und zu Eier esse, kann ich meine Krankheit in Schach halten. Und das beschäftigt mich. Ich habe ein schlechtes Gewissen.
G: Also wenn du von mir sowas wie eine „Du bist schuldfrei, wenn du Eier isst“ – Erklärung haben willst, dann bist du bei mir falsch. Ich sage dir, was Sache ist. Du musst das schon ordentlich verantworten. Weißt du, wo die Eier herkommen, die du isst?
M: Ja, ich kaufe sie von einem Hof, wo die Hühner gut gehalten werden und frei laufen dürfen. Girly, hast du eine emotionale Beziehung zu den Eiern, die du legst? Wie ist das, wenn man sie dir wegnimmt?
G: Ja, also grundsätzlich könnte jedes meiner Eier ein Nachfahre von mir werden. Die sind mir schon sehr wichtig, meine Eier. Das mit dem Eier Wegnehmen… nachdem ich jetzt auch mal welche bebrüten durfte, ist das auch ok. Ich möchte wieder brüten dürfen. Aber dazwischen darf Nicole auch gerne meine Eier nehmen, wenn sie respektvoll behandelt werden. Das ist wie eine gegenseitige Hilfe. Ich bekomme Schutz und gutes Futter, dafür habe ich auch ein paar ungebrauchte Eier übrig.
M: Legst du jeden Tag ein Ei?
Girly lacht.
G: Nein, wir legen nicht jeden Tag ein Ei. Es dauert, bis das Ei in uns bereit ist, wir brauchen gutes Futter und Wärme und auch die Motivation dazu. Wenn irgendetwas davon fehlt, dann legen wir auch keine Eier. Marion, warum fragst du so komische Sachen, legst du keine Eier?
M: Das läuft bei den Menschen anders ab. Wir sind Säugetiere, wir gebären unsere Nachkommen „fertig“.
Girly macht einen Schritt zurück. G: Das hört sich aber grausig an.
M: Das ist auch nicht ganz einfach, das ist ziemlich schmerzhaft und bringt immer eine große Veränderung mit sich. Wir bekommen meist auch im Laufe unseres Lebens nur eine sehr kleine Anzahl an Nachkommen, Kindern. Ich habe zwei Söhne.
G: Wolltest du nicht mehr Nachkommen?
M: Sagen wir mal so, das ist bei mir etwas speziell verlaufen, das ist schon toll, dass ich zwei „geschafft“ habe. Jetzt bin ich auch aus dem Alter heraus. – Girly, ist es bei euch Hühnern auch so, dass das wahnsinnig anstrengend und schmerzhaft ist, so ein Ei zu legen. Wenn ich sehe, wie groß du bist und wie groß ein Ei ist und wenn ich mich anschaue, damit das Verhältnis stimmt, hätten meine Kinder bei der Geburt 5mal so groß sein müssen, wie sie waren. Und ich habe es so schon nicht ohne Hilfe hinbekommen.
G: Das ist bei uns schon auch ziemlich anstrengend, aber ich kann dir sagen, es ist noch viel viel schlimmer, wenn wir das Ei nicht legen können. Daran können wir sterben! Außerdem sind wir verschiedene Arten, mein Körper ist daran angepasst, Eier zu legen. Das ist nicht so schlimm. Der Vergleich passt nicht. Ja, es strengt an, aber es gehört einfach zum Leben eines Huhns dazu. Es geht auch ziemlich schnell. Wichtig ist, dass wir gut ernährt sind und uns auch gut ausruhen können. Wie gesagt, viel schlimmer und schmerzhafter ist es, wenn man das Ei nicht herausbekommt. Das ist das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann.
M: Aber wenn ich schon einmal mit dir spreche, will ich es doch genau wissen. Hast du beim Eierlegen Schmerzen oder nicht?
G: Doch, schon. Aber nicht so, wie du es dir vorstellst bei der Geburt deiner Kinder. Wir sind anders gebaut und es ist für unsere Art überlebenswichtig, dass das einfach verläuft. Gute Nahrung, Ausruhmöglichkeiten, immer wieder mal erleben dürfen, wozu man das eigentlich durchsteht, dann ist alles in Ordnung. Wenn du dir Gedanken machst, weil das Eierlegen mir wehtut und du doch Eier essen willst oder musst, dann nimm einfach nicht die ganz großen. Nimm die kleinen. Kleineres Ei, kleinere Anstrengung. Und nutze sie respektvoll.
M: Liebe Girly, ich danke dir für das Gespräch, ich sehe ein bißchen klarer! Ich hoffe, ich habe nicht zu indiskret gefragt.
G: Ich hab ja auch so zurückgefragt.
M: Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, ganz liebe Grüße Marion